....So komme ich nicht umhin zuzugeben, dass im Umkreis von Wotan eine kulturelle Szene etabliert hat, die ich sehr vermisse. Da ich aus einer Arztfamilie stamme, ebenfalls etwas Emotionslos, nicht ganz so extrem, auch nur um wenige Momente besser als seine Kinderstube, und kulturell intellektuell erzogen wurde, auch wenn sich das als solches in meinem Lebenslauf nicht niederschlägt, ist mir ein adäquates Umfeld sehr wichtig. Stammtischgespräche und Meckern auf untersten Niveau hasse ich wie die Pest. Wotan und mich verband die Abneigung gegen Menschen, die von „Denen da oben“ sprechen, da sie niemals über den Tellerrand hinausblickten. Ich selektiere und konsumiere mir die Kultur wie ich sie brauche, diese Freiheit jedoch verstand er nie, für ihn war der Sachverstand eines Kunstkritikers grundsätzlich Gesetz, selbst wenn er das Zeugnis an sich in Frage stellte. Er wollte auch nicht verstehen warum Kulturkritiker aussterben. So entscheide ich selbst mit Doktor Google im Netz, was ich konsumiere, so wie der größte Teil der Internetbenutzer, denn Kakerlaken und Leserforen im Netz wird es auch dann noch geben, wenn Vierbeiner und Feuilletons längst ausgestorben sind. Und das ist absolut in Ordnung so. Wer braucht schon Kulturkritiker für die Wahl zwischen Vampirfilmen, SM-Kitsch und langweilig schwulen Romanen. Zudem breitet sich eine Schwundform der Kritik aus. Daumen rauf oder runter das ist nicht nur seit jeher, von der antiken Arena bis zum aktuellen Boulevard, die typische Spektakel-Geste, sondern auch der Modus jener mehr und mehr die Kritik ersetzenden Konsumempfehlungen in Social Networks und diversen Medien. So beteiligen sich mittlerweile auch werbeorientierte Maschinen an der Kulturkritik. Es handelt sich um leistungsstarke SQL Server, in Serverfarmen gezüchtet, die meist im Ausland oder auf unerreichbaren Inseln, Datenbanken hosten, die ausgewertet von Cookies und Surfverhalten und gezielt versteckter Befragung in Facebook und Co mehr über den vor der Mattscheibe sitzenden User wissen, als derjenige jemals in seinem kläglichen Leben über sich selbst geschrieben hätte. Auch das Feuilleton, ob gedruckt oder elektronisch, ist vor der Unterwerfung des Hypes nicht gefeit, während Fachmedien, anspruchsvolle Online-Blogs und Experten-Foren die Welt erreichen können. Der Statusverfall der Kritik zeigt sich auch im Aussterben der großen Kritiker der alten Zeit, es wird keinen Joachim Kaiser mehr geben, keinen Reich-Ranicki und keine Sigrid Loeffler und auch keinen Diedrich Diederichsen. Und zwar deshalb, weil der Consumer in allen Sprachen, meist schlecht google-übersetzt, in der Masse, weltweit entscheidet. Autsch, schon wieder abgeschwiffen, das muss ich mir abgewöhnen oder ich schreibe mal ein eigenes Werk darüber. Aber jetzt, zurück zu Wotan. Letztendlich fehlt mir das Umfeld, die Szene, die mir Wotan kulturell bieten konnte, schon sehr, obwohl schlussendlich mit dem Einsinken Orsok der Struktur nicht mehr viel davon und übrig ist.

Es ist wirklich nicht nachzuvollziehen, dass die Beziehung zwischen Ivica und Wotan ganze acht ein halb Jahre hielt. So denke ich, dass sich mit Jan´s Wunsch in Mannheim zu verbleiben, diese Situation einer Abhängigkeit einstellte, obwohl er das mit seiner internationalen Vitae nicht nötig gehabt hätte, das bezieht sich auch in Bezug auf die Tätigkeit und dem gesellschaftlichen Umfeld. Jan Ivica jedoch kommt aus einem familiären Umfeld, das durch viel Gefühl und Liebe geprägt ist, ja, bis zum Tode hin. Die Befürchtung werde ich nicht los, dass er nur darauf wartete, dass einer von uns frei wird. Bedauerlicherweise bestätigte sich diese unsägliche Annahme, glaubwürdig, durch mehrere Aussagen unserer Freunde aus völlig unterschiedlichen Kreisen. Bei Jan Ivica hätte Wotan, der Plebejer, sich die Zähne schon bei der Spekulation der erwarteten Eventualität ausgebissen. Bei mir hat es eine Zeitlang gegen meinen Willen funktioniert.

   Apropos „offene Bühne“ da er den Event an Jan Ivicas Todestag weiterführte und eben nicht pietätvoll abbrach, wusste ich, das ich ihn niemals an meine Seele herankommen lassen darf, es ist dennoch geschehen. Wer mit so viel Gefühlskälte aufwachsen muss, ist für eine liebevolle Beziehung ungeeignet. So wiederhole ich meinen Spruch:

 „Das Elend, das auf meiner nackten Seele lauert, im diffusen Licht, hinter dem Schatten des Mannes der glaubt mich zu besitzen, obwohl ich ihm flüstere, dass es ein Possenspiel ist.“