Nächster Tag, ein Pärchen Roter Milane zieht laut schreiend seine Kreise. Das Schreien brüllt ein Gefühl der Freiheit, es kommt nicht hindurch zu meinem ich, denn bin ich nicht frei, gefangen in mir selbst, gefangen an mein so sehnlichst erwünschtes Ende. Die Thermik der Morgensonne lässt einen gleichmäßigen, angenehm warmen Luftstrom vom Meer aus in die Höhe steigen. Auf diesem gleiten die Milane, ohne mit den Flügeln zu schlagen große Kreise drehend in die Höhe. Ruhige, leise Stimmung. Ein kalter Campari Soda aus dem Kühlschrank und ich stehe barfuß, splitternackt, auf dem noch kühlen Steinboden der großen Terrasse, und spiele den Jünger der Sonne. Die Arme im rechten Winkel vom Bauch weg, ich fühle mich fett, denn ich wiege immer noch siebzig Kilo. Fliegend schließe ich die Augen. Allein, stehe ich hier, denn Tomaso sitzt im Büro und muss arbeiten, das tut er jetzt schon seit mehreren Stunden. Das ist gut so, denn ich leihe mir gerade Zeit, Lebenszeit. Die Zeit atme ich mit geschlossenen Augen tief ein und lasse sie über die Zunge langsam entgleiten, ich taste und fühle die Ruhe auf meiner Haut. Es ist anders als sonst. Ein Standard Urlaub ist immer damit verbunden, dass man das Ende der vom Arbeitgeber genehmigten Tage klar vor Augen hat, und das ist immer so, man gibt es nur nicht zu. Wenn die Zeit keine Rolle mehr spielt, gar nicht mehr, dann ändert sich die Wahrnehmung, dann ändert sich der Ton der Zikaden: er wird dumpfer, der Wind: er wird sanfter, die Geräusche der Stadt: irgendwie ausgeblendeter, blindlings leiser. Alles läuft in Zeitlupe, ein Rausch der Zeit, ohne dass ich mir irgendetwas verabreicht hätte, die Stille der Zeit, obwohl alles laut zu hören ist und die Italiener beim Hochfahren durch die Serpentinen hupen als ob sie nie etwas Anderes taten. Der leichte Sonnenbrand von gestern schlägt um in reine, nahtlose Bräune. Im Hintergrund ist andauernd die Harfe von Gayromeo zu hören, ich interpretiere das mit „Frischfleisch is arrived“. Doch habe ich jetzt keinen Bedarf hierfür, zudem mir Tomaso von der Langweiligkeit der hier ansässigen Kerle erzählt, und wir es letzte Nacht schon ordentlich haben krachen lassen. Mein Hintern gibt ein wenig des gestrig verwendeten Gleitgels frei, aber es kümmert mich nicht, den dicken Gartenschlauch nehme ich und halte ihn mir minutenlang über meine tief braune Haut. Die Zikaden müssten bei ihrer erzeugten Lautstärke doch eigentlich explodieren, denke ich mir, und schaue weit aufs Meer hinaus. Der Salzgeruch und das Meer sind bis auf diese dreihundertfünfzig Höhenmeter intensiv zu spüren. Eine sinnvolle Beschäftigung finde ich hier schnell, um mich für das hier Erlebte zu revanchieren. Da die Bewässerungsanlage nicht richtig funktioniert, gieße ich mit dem Schlauch, und mich zwischendurch mit einem Becks.

Nächster Tag: ein bisschen Hecke scheiden, heute lässt mich Jan Ivica in Ruhe, die Eidechsen flutschen mir zwischen den Füßen hindurch. Alle vier großen Phoenix Palmen hier haben die dreifache Größe von meiner in Friedrichsfeld. Die wehrt sich dementsprechend beim Schneiden, „Aua, Pflaster“. Tja, es wird niemals ein Urlaub sein, aber dieser Ort wäre bestens dafür geeignet, auch wenn alles ein wenig zu groß ist. Frage: Was ist eigentlich ein Urlaub. Und was wäre, wenn ich einen Urlaub von mir selbst bräuchte, wo kann ich den denn beantragen, und wird der genehmigt?

Und dann wieder:

Ivica ist in Gedanken wieder da, die Imagination an das letzte Mal Mittelmeer mit ihm, ... Entspannung ist etwas Anderes…

 

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