Raus hier, weg von hier, laufen, rennen, das Gefühl ist stechend. Trotz dessen, dass ich schon wieder Bier getrunken habe, gehe ich zum Schlüsselbrett und hole den Autoschlüssel. Nicht einmal die Haustür schließe ich zu, fahre mitten in der Nacht zum Parkplatz gegenüber der Universitätsklinik am Neckarufer. Der hochbelastete Platz, bleibe kurz stehen, hole Luft, aber nichts passiert, nichts wird besser, nicht einmal die kühle Luft hilft, die Dinge etwas klarer zu sehen. Der Neckar fließt lautlos dahin, der Mond spiegelt sich hell auf den vielen kleinen Wellen. Die glitzernden Wellen dimmen sich zum Schwarz und meine Stille ist Schwarz. Sie ist schmerzhaft. Sie schwankt auf den winzigen Wellen, auf diesem langsam bewegten Fluss. Schritt für Schritt, Atemzug und Loslassen, es funktioniert nicht. Die selbige Stimmung wie zu Ivica Jans Tod auf der Intensivstation hier im Klinikum. Nach einem Rundgang durch die Mannheimer Quadrate sehe ich, dass das Klatsch, eine schwule Kneipe beim Nationaltheater, immer noch offen hat. Kein Problem um diese Zeit ein Platz zu finden. Gleich vorne mit dem Blick auf das Nationaltheater verbleibe ich. Als ich mit Tränen in den Augen ein Bier bestelle, nie war ich allein hier, kommt gleich die Bemerkung, dass der Wirt schon lange zu machen will. Ivica sitzt neben mir an der Theke, er schaut mir zu und trinkt eine Weißherbstschorle. Zumindest, habe ich das übermächtige Gefühl, dass es so ist. Hier begann unsere Beziehung. Nach dem Kennenlernen im Jails, dem großen Darkroom im Connection, waren meine ersten schwulen Ausflüge in der Innenstadt von Mannheim mit Jan Ivica im Kussmann, Klatsch und Lederclub Eins, auf den ich so endlos stolz war. Früher, ganz genau erinnere ich mich, stellte ich mir das schwule Leben viel zu kompliziert vor, dass sich verstecken müssen. Wie erstaunt war ich damals, als ich feststellte, wie einfach und wie offen unsere Gesellschaft mittlerweile geworden ist, ich mit Ivica Händchen haltend durch die Innenstadt von Mannheim laufen konnte. Manchmal nutzten wir das allerdings aus, im Leder Club, zirka zweihundert Meter vom Klatsch entfernt, eine Bar mit rein schwulem Publikum, nahm er mich ungeniert direkt auf der Theke her. Die lauten Trinkanimiersprüche des Kneipiers zwingen mich, der Kopfschmerzen bedingt, kurz vor die Tür zu gehen und eine Zigarre anzuzünden. Sukzessiv gehe ich auf den großen Platz vor dem Nationaltheater mit seiner belastend schweren Vergangenheit, die vielen Orte der gemeinsamen Unternehmungen sehe ich, als ich mich umdrehe in den Grautönen der Nacht, virtuell in Farbe davor sehe ich uns laufen so wie in Fields of Gold

… da ist das Osaka, ein japanisches Restaurant, hier habe ich Jan Ivica, nach einer verlorenen Wette teuer ausgeführt.
… da war das „S Sechs“ eine schwule Bar, aber schon lange dicht.
… der Matratzen Concord, in dem wir Matratzen und elektrische Lattenroste kauften, da Ivica Jan wieder so gut verhandelte.
… da ist das Café Kussmann, in dem wir oft nach der Arbeit saßen und den Feierabend genossen.
… da ist das Job Center Mannheim, in dem Ivica Jan vier Jahre arbeitete.
… das indische Restaurant, auch wieder geschlossen, der so miserabel war, dass wir uns schwören nie wieder in ein indisches Restaurant zu gehen
… das Bangkok, ein Restaurant, deren Inhaberin er gut kannte, und wir leckeres Essen bestellen konnten, das nicht auf der Karte stand.
… und natürlich wieder der Blick auf das Collinicenter, in dem wir erst wohnten, und ich später arbeitete.
… schließlich das Nationaltheater selbst, in dem er tätig war. All diese Erinnerungen kommen wieder hoch, drehe mich um und blicke auf hässliche kastenförmige Gebäude, seine Aufführungen von denen ich wusste, Tannhäuser, das war vor meiner Zeit, hätte ich auch gerne gesehen. Oft war ich mit Jan Ivica zum Ballett hier, seiner Leidenschaft, zu Opernaufführungen, und Schauspielen. An Aida mit dem extrem spartanischen Equipment in zweitausendsechs erinnere ich mich noch, als ob es erst gestern gewesen wäre, viele andere sind im Gedankennebel verschwunden. Das alles sind nur die Erinnerungen, die sich um den Platz am Nationaltheater drehen. Mannheim ist groß und es wäre müßig noch mehr aufzuzählen. Bei den gefühlten Erinnerungen und den Gedanken, dass es jetzt vergessen und vorbei ist, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter, ich friere, drehe mich um, im gehe ins Café Klatsch zurück und lasse mir noch ein weiteres dunkles Hefe zapfen. Irgendwann schmeißt der Stoffel, der Kneipier, mich mit den letzten verbliebenen Pärchen raus, ich habe keine Uhr dabei und kann die Zeit nur schätzen. Nach längeren Irrwegen in den Quadraten gehe ich zurück Richtung Auto. Unter der Neckarbrücke jedoch, redet mich ein dunkelhäutiger Mann an. Mir ist alles egal, lethargisch gestimmt und gedankenleer und ohne ein Zögern, stimme ich ihm zu und lasse es über mich ergehen. Mit Wucht drückt er mich an den Brückenpfeiler, beide Handflächen fangen das gerade noch ab. An der Mauer stehend stütze ich mich breitbeinig ab, er reißt mir die Hose herunter, ohne dass ich Zeit gehabt hätte den Gürtel zu öffnen. Die Schnalle des Billiggürtels reist ab und das Metallteil fliegt laut scheppernd über die Pflastersteine. Das Gleichgewicht verlierend trete ich mit einem Bein aus der Hose die jetzt im Dreck liegt. Er steht mit seinen abgelatschten Sneakers darauf und es kümmert ihn überhaupt nicht, weil er mich so am Abhauen hindert. Der Geruch von Urin geht mir in die Nase. Mit nur ein wenig Spucke rammt er sein Gerät, dem Klischee entsprechend groß, schmerzhaft ungeschmiert in mich hinein. Völlig frei, nicht verdeckt kann uns jeder sehen. Indolent nehme ich es hin, dass ein paar Passanten hinter uns, sich tierisch echauffieren. Nach der langen Zeit, die ich heute unterwegs bin, ungespült, bin ich sicherlich nicht mehr sauber. Bereitwillig benutze ich sein Poppers, es riecht wie purer Essig und durch seine unregelmäßigen Stöße verbrennt es mir die Nase als mir das Zeug an die Nasenwand schwappt. Fürchterlich erniedrigend, aber es lenkt mich widerspruchslos ab. Vom Leiden und von Rest meines Lebens, denn er schlägt mir mit der flachen Hand andauernd periodisch synchron mit seinen Stößen auf meinen Arsch bis er brennt vor Schmerz. Das tut er deshalb, weil ich ihn zwischendurch blasen sollte, und ich verneinte. Es schallt, mit einem durchdringenden Echo, weit zu hören, der Schläge unter der Brücke. Dann dreht er mich um und drückt er mich doch zu sich nach unten, er hat eine unbändige Kraft der ich nichts zu widersetzen habe und ich bekomme sein riesiges Gerät direkt und gleich tief, seine Hände umschließen meinen Kopf und mit immer mehr Druck bekomme ich seine Männlichkeit zu spüren. Er redet etwas Unverständliches und hämmert ihn mir in schnellen Bewegungen sehr schmerzvoll in den Mund… Würgereiz… ich bekomme keine Luft und als er kurz ablässt, ich lautstark Luft hole, flehe ich „Stop“, bevor er wieder eindringt. Er zieht mich wieder hoch an die Wand und es geht hinten weiter, aber dort bin ich für große Dinge trainiert. Ich habe sicher schon tausende Kilometer auf meinem Arsch, da kommt es auf die paar Meter auch nicht mehr an. Seine Eier klatschen laut an meine und die Oberschenkel. Was ein riesiges Gehänge. Das Szenario dauert fast eine halbe Stunde. Kein Zeitgefühl, ich habe das berechtigte Gefühl das viele Augen auf uns gerichtet sind. Ja, im Augenwinkel sehe ich drei Typen hinter einem Strauch an der Parkplatzwendeschleife, das sind aber sicher nicht alle. Jeden Augenblick rechne ich mit den Ordnungshütern, aber auch das ist mir völlig egal. Die entfernten Straßenlaternen mit dem orangen Natriumdampfgaslicht setzen alles in eine surreale Erscheinung. Der Arsch brennt und er ist immer noch dabei. „Jetzt werde doch endlich fertig!“ denke ich. Und zwicke meinen Hintern zusammen soweit es noch geht, was ihn aber noch viel geiler macht. Er krampft, gibt merkwürdige Töne von sich, wohl ein afrikanischer Orgasmus, Als es mir die Beine herunterläuft, er fertig ist, sage ich harmlos nur „Tschüss Bimbo“ und ziehe mir die dreckig eingesaute Hose im Gehen hoch über die klebend nassen Beine. Kein Wort, noch nicht einmal ein letzter Blick im Umdrehen, gewähre ich ihm, strafe ihn mit Gleichgültigkeit, obwohl es nichts zu bestrafen gibt. Als ich mich dann doch umdrehe ist er nicht mehr zu sehen, ich gehe sukzessiv weiter. Die Hose muss ich mit der Hand halten ohne den Gürtel da die Schnalle ja abgerissen ist. Aus den Schlaufen ziehe ich den Gürtel heraus und werfe ihn in hohen Bogen den Gaffern an der Parkplatzwendeschleife entgegen, so dass sie die die Köpfe einziehen müssen. Dabei fällt mir die Hose auf den Boden und ich verliere das Gleichgewicht, da ich so stark abgenommen habe. Stolpernd stürze ich genau auf die Knie. Die erschreckte Suche nach dem Autoschlüssel und das Finden des Auf-find-Lichtes des Autos, bereiten mir mehr Gedanken als das andere was gerade passierte, „Wie viel hat er mir da wohl reingejagt.“ Über der Brücke sehe ich ein Fahrzeug mit Blaulicht und ohne Sirene, besser ich fahre unverzüglich und ohne Umwege nach Hause.
   Die Sonne geht schon auf, als ich zu Hause ankomme und die Haustür hinter mir schließe. So entsetzlich müde, ausgebrannt und leer, gehe nicht in das Haus, sondern kauere mich im Flur auf den Fußboden. Im Flur sind die Spiegel Raumhoch angebracht. Es sind meine Zeitspiegel. Dazwischen sitzend sehe ich mein Abbild verhundertfacht in jeder Richtung. Doch so sehe ich mich nicht real. An meinem Abbild des Leidens schaue ich beachtungslos vorbei und suche nach einem Ende in diesem endlos langen immer dunkler werdenden Tunnel. Ist da vielleicht doch ein Licht am Ende? Je länger ich darauf starre, umso heller wird der Fleck, der im leichten glasgrünen Schimmer meinen Wunschpunkt markiert. „Wo ist denn jetzt noch meine Zukunft, der Rest davon?“ Frage ich den Spiegel meiner Zeit, jedoch ohne eine Antwort zu erwarten. Dann ziehe ich meine Beine ganz eng an meinen Körper, lege meine Stirn auf die Knie, umfasse mit einem Arm meine Beine und lege die andere Hand zwischen Knie und Kopf. Mein Kopf dröhnt, mein Arsch brennt und meine Hose klebt an mir, extrem dreckig und benutzt.
Ich fühle mich vergewaltigt obwohl ich „ja“ gesagt habe.
Der Hund kratzt an der verschlossenen Flurtür und jammert „Mau“. Er hat mich wohl gehört. „Mau“ „Hör auf, du bist keine Katze“ entgegne ich forsch und er lässt mich in Ruhe und weicht zurück in sein Nest, sein Körbchen. Noch eine Zeitlang sitze ich weiter am Boden. Das Gefühl, dass Jan Ivica mir kopfschüttelnd zuschaut, ist stechend. Vielleicht schaut er aus dem Spiegel zu mir. Nicht vielleicht, er tut es, sicher.
… Eine Träne, …
… und noch eine, …
Vielleicht sollte ich weglaufen und mich in einem dunklen, stillen Land vor mir selbst verstecken. So gehe ich nach einer gefühlten Stunde unter die Dusche und wasche mir die Nacht von meiner Haut ab.
So sehr wünsche ich mir, es wäre endlich vorbei.
Ich werde sterben, falls ich mich nicht bald freilassen kann.